"Harlekin sucht Colombine"

Ein musikalisches Gespräch der Baronin von Waldstätten mit dem abwesenden Leopold Mozart über Frauen im Leben seines Sohnes Wolfgang Amadeus

 

Klavier und Konzept: Sebastian Knauer

Textzusammenstellung: Wolfgang Knauer

 

Die Baronin Martha Elisabeth von Waldstätten, eine von ihrem Mann getrennt lebende bekannte Größe der Wiener Adelsgesellschaft , denkt intensiv an ihre Erlebnisse mit Wolfgang Amadeus Mozart zurück, mit dem sie vor Jahren ein enges und vertrautes Verhältnis verband. Die immer noch attraktive und erfahrene Adlige, die wegen ihres lockeren und unbekümmerten Lebenswandels einen etwas zweifelhaften Ruf genoss, war nicht nur Mozarts Klavierschülerin, sondern zu der Zeit, als der Komponist als freier Künstler in Wien Fuß zu fassen versuchte,auch seine freigebige Gönnerin, die ihm in kritischen privaten Situationen oft hilfreich zur Seite gestanden hat.

 

Von Mozart argwöhnisch beäugt, bahnte sich auch ein enger Kontakt zwischen Vater Leopold und der Baronin an. Die beiden traten in einen Briefwechsel, in dem der verwitwete Salzburger Vizekapellmeister in sehnsüchtig klingenden Formulierungen den Wunsch nach persönlicher Begegnung äußerte. Soweit bekannt, hat es allerdings nur ein einziges Zusammentreffen gegeben.

 

In der Einsamkeit ihres Landguts in Klosterneuburg, wo sie lange nach dem Tod von Vater und Sohn Mozart zurückgezogen lebt, steigert sich die Baronin in die Vorstellung hinein, Leopold sei noch einmal zu ihr gekommen, um ein abschließendes klärendes Gespräch über den Sohn zu führen. Sie hält einen langen Monolog, in dem es vor allem um die Frauen im Leben des Sohnes geht.

 

Der Inhalt des Selbstgesprächs beruht vor allem auf den Briefen, die Vater und Sohn Mozart geschrieben haben, sowie auf authentischen Äußerungen von Zeitgenossen und anderen Dokumenten aus der Umgebung Mozarts. 
Verbunden werden die Reminiszenzen der Baronin durch Kompositionen Mozarts, die in enger Verbindung zu einigen seiner Klavierschülerinnen stehen, zu jungen Frauen also, an denen er nicht nur das Talent schätzte, sondern in die er nach Aussagen von Zeitgenossen – zumindest vorübergehend - auch verliebt war.

 

Dazu gehören die Sonate KV 309, in deren Andante er Rosa Cannabich in Mannheim porträtiert hat, ebenso wie die c-moll-Fantasie KV 475 und die in derselben Tonart komponierte Sonate KV 457, die beide der verheirateten Therese von Trattner gewidmet sind.

 

„Er war Ehemann, zeugte vier Kinder, pflegte der Liebe treulich, und auch außer der Ehe gab es manche Galanterie, was ihm seine gute Frau gern übersah.“ So steht es in der Mozart-Biografie, die Georg Nikolaus von Nissen, der zweite Ehemann der Mozart-Witwe Constanze, wenige Jahre nach dem Tod des Komponisten geschrieben hat und die 1828 in Leipzig veröffentlicht wurde.

 

Dass Frauen in Mozarts Leben eine wichtige Rolle gespielt haben, ist nie ein Geheimnis gewesen. Sowohl vor als auch nach seiner Hochzeit mit Constanze Weber hatte er weibliche Bekanntschaften, die über bloße gesellschaftliche oder berufliche Kontakte hinaus gingen und in mehr oder minder flüchtigen Liebesbeziehungen endeten. Der Reigen reicht von seiner Jugendliebe, der Augsburger Cousine Marianne Thekla, von der die Nachwelt Kenntnis aus den berüchtigten „Bäsle-Briefen“ hat, bis zu Mozarts „englischem Mädchen“, der Sopranistin Nancy Storace, der ersten Susanna im „Figaro“, für die er eigens die berühmte „Rosenarie“ komponierte.
Die größte Liebesenttäuschung verband ihn mit Constanzes Schwester Aloisia, einer gefeierten Sängerin seiner Zeit, die er in Mannheim kennen lernte und die ihm auch, nachdem sie ihm einen Korb gegeben hatte, nicht gleichgültig blieb. Kurz nach seiner Hochzeit führte er im Wiener Fasching eine selbst komponierte Commedia dell’ Arte-Pantomime auf, in der er den Harlekin und Aloisia die Colombine tanzte. Diese Szene lieferte den Titel zu dem Programm.

 

Hinter die Maske des Harlekins oder auch des (im damaligen Wiener Volkstheater sehr beliebten) Hanswurst zog sich Mozart oft zurück. Seine derben und groben Späße, deren nicht selten animalischer Charakter im diametralen Gegensatz zu seiner Musik stand, schienen ihm als eine Art Schutzschild zu dienen, hinter dem er seine Verletzlichkeit und seine Angst vor Liebesentzug zu verbergen suchte.